Santa Maria della Pace

File 848Die Kirche S. Maria della Pace (dt. Hl. Maria des Friedens) liegt ganz in der Nähe der Piazza Navona und stellt wohl den interessantesten Bau Roms in der Frührenaissance dar. Sixtus IV. (1471-84) stiftete die Kirche anlässlich des Friedens mit Neapel und Mailand, der Papst war schon unter Zeitgenossen für seine eifrige Bautätigkeit in Rom berühmt. Der verantwortliche Architekt für den Neubau ab 1482 ist nicht sicher überliefert, wahrscheinlich wurde Sixtus´ IV. einflussreichster Architekt Baccio Pontelli mit der Aufgabe betraut.

In jener Zeit entstand das kreuzgewölbte Langhaus mit anschliessendem oktogonalen Zentralraum, der mit seinen erhabenen 28m höher ist als das Langhaus. Der 8-eckige Raum wird von einem Klostergewölbe überspannt, ein Gewölbeform, die typisch für polygonale Räume ist und lange Tradition in Rom hat, denn sie sind heute noch an den Thermen aus der Kaiserzeit (z. B. Caracallathermen) zu beobachten. Von aussen verweist das Oktogon eindeutig auf das Pantheon – lediglich die Öffnung im Scheitel der Pantheonkuppel, die das Licht dort atmosphärisch ins Innere fallen lässt, wurde hier mit einer Laterne zugestellt.

Der Kreuzgang von S. Maria della Pace (1500-04), zu dem man rechts der Kirche gelangt, entstand einst für den Kardinal Oliviero Caraffa und ist das erste gesicherte Werk Donato Bramantes in Rom. Der kleine zweigeschossige Hof überrascht durch seine völlig unterschiedlichen Formen: Das Untergeschoss besteht aus Arkaden, die von kräftigen Pfeilern getragen werden. Diesen Pfeilern sind hochgesockelte Pilaster mit ionischen Kapitellen vorgelagert. Das Obergeschoss zeigt hingegen eine Abfolge wesentlich schmalerer Säulen und Pfeiler. Interessanterweise sind beinah sämtliche Kapitellformen angewandt worden – die oberen Säulen tragen korinthische, die Pfeiler Kompositkapitelle. Im Gegensatz zu dem schweren und offensichtlich eine tragende Funktion ausübenden Untergeschoss sollte sich das Obergeschoss durch Leichtigkeit und Reichtum an anmutiger Ornamentik ganz bewusst absetzen.

Um 1656 entschied sich Papst Alexander VII. für eine neue Fassade an S. Maria della Pace. Der Architekt Pietro da Cortona gestaltete das Untergeschoss in radikal neuer Form, für die Zeitgenossen muss es ein Bruch mit der Tradition gewesen sein: Bisher wurden Fassaden als reine Fläche verstanden, die durch Säulen gegliedert wurden. Nun entstand eine Vorhalle, die als Halbrund weit ins Räumliche und damit in den vorgelagerten Platz greift. Wie ein kleiner Tempel (Tempietto), hier mit dorischen Säulen und ionischem Gebälk, erscheint nun der Eingangsbereich in monumentaler Form. Auf die konvexe Form des Untergeschoss folgt die gegensätzliche, konkave Form im Obergeschoss, dessen Mauern viel weiter hinten ansetzen. Interessant ist, dass diesem komplexen Werk fast jede Dekoration fehlt, alles erscheint in architektonischen Formen, alles ist Architektur.

Von dem kleinen Vorplatz aus (Piazza S. Maria della Pace) hat man angesichts seiner Enge stets eine Nahsicht auf die Kirche, dabei dominiert die Mitte des Baus. Das räumliche Ausgreifen des halben Tempiettos sowie die radikale Rücksetzung des Obergeschosses lässt die Fassade von S. Maria della Pace zu einer Art Kulisse werden. Wie in einem Theater dient der Platz als Zuschauerraum, die den Platz begrenzenden Häuser als Theaterlogen. S. Maria della Pace stellt die alles dominierende Theaterkulisse dar. Insbesondere, wenn man bemerkt, dass die ferneren Bauteile der Fassade flacher (fast nur Pilaster) und heller gestaltet sind, sodass die Perspektivwirkung noch gesteigert, also die Wirkung der auf den Betrachter zukommenden Baukörper aus der Tiefe noch intensiviert wird.