San Pietro in Vincoli

File 839Die Kirche San Pietro in Vincoli befindet sich auf gleichnamiger Piazza ganz in der Nähe des Kolosseums. Die frühchristliche Basilika wurde einst auf Initiative Licinia Eudoxia, der Gattin des Kaisers Valentinian III., in Auftrag gegeben und im Jahre 439 durch Papst Sixtus III. eingeweiht. Der Grund für die grosszügige Stiftung der kaiserlichen Gattin waren die namensgebenden Vincoli, zu deutsch die Ketten, mit denen Petrus einst im Kerker des Herodes in Jerusalem gefesselt war und die man nach Rom überführt hatte. Die Legende im Neuen Testament berichtet auch von seiner wundersamen Befreiung durch einen Engel (Apostelgesch. 12, 3 ff.). Rafael gestaltete dieses Thema um 1512 in der Stanza d´Eliodoro im Vatikan als Sinnbild der Befreiung des Papsttums und der Kirche durch Papst Julius II. Dieser hiess eigentlich Giuliano della Rovere und war zuvor Kardinal von San Pietro in Vincoli, wo seitdem die Ketten Petri als kostbare Berührungsreliquien in einem gläsernen Schrein unterhalb des Altars aufbewahrt werden.

Unter Julius II. erfuhr San Pietro in Vincoli auch die meisten baulichen Veränderungen. Am Aussenbau fügte er die Portikus und den Kreuzgang hinzu, das Innere liess er umfassend restaurieren. Darunter fallen zum einen die Kreuzgratgewölbe, die nun im Querhaus und den Seitenschiffen zu sehen sind und insbesondere das von Michelangelo gestaltete Grab für Julius II. im südlichen Querhaus.

Das Grabmal umgibt die überlebensgrossen Statuen der Rachel, der Lea und im Zentrum die berühmte Statue des Moses von Michelangelo. Die kolossale Figur des Moses stellt den Erzählabschnitt des Alten Testaments dar, in dem Moses mit den Gesetzestafeln in der Hand vom Berg Sinai zurückkehrt und das Volk Israel das Goldene Kalb anbeten sieht. Hier in der Darstellung scheint Moses geradezu leidenschaftlich voller Zorn gegenüber der Abtrünnigkeit des Volkes Israel von seinem Sitz aufstehen zu wollen. Interessanterweise trägt Moses Hörner auf dem Kopf, was eher an eine Satyr- oder Teufelsgestalt erinnert. Diese Darstellungsweise war seit dem 12. Jh. geläufig, geht aber auf einen Übersetzungsfehler in der lateinischen Bibelübersetzung (Vulgata) zurück. Durch eine Rekonstruktion des griechischen Textes mit falschen Vokalen entstand in der Übersetzung das Wort "gehörnt", doch musste es eigentlich heissen: "Als Moses mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabstieg, "strahlte" sein Angesicht so, dass das Volk sich fürchtete Moses zu nahen."

Um 1705 erfuhr San Pietro in Vincoli mit dem Einzug einer flach gewölbten Mittelschiffdecke durch den Architekten Francesco Fontana noch eine entscheidende Veränderung, die allerdings die Beleuchtungssituation im Innenaum weitestgehend beeinträchtigte. In ihrer Substanz ist die frühchristliche Basilika weitgehend erhalten – das Mittelschiff wird von je 10 ursprünglich antiken dorischen Säulen mit Rundbogenarkaden begrenzt. Die besonderen Proportionen der Basilika mit dem breiten Mittelschiff und den schmalen Seitenschiffen tragen dazu bei, dass die fortlaufende Reihung der  antiken Säulenarkaden den Eindruck einer weiten Säulenstrasse hervorruft.