Michelangelos Werk

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Papst Juluis II., der Nachfolger von Sixtus IV., holte Michelangelo Buanotti nach Rom um das noch freie Gewölbe der Sixtinischen Kapelle gestalten zu lassen. So begann Michelangelo mithilfe einiger seiner Gehilfen aus Florenz um 1508 mit der Fläche von nicht weniger als 520 m². Nur kurz darauf soll der Künstler sich in der Kapelle eingeschlossen, niemanden mehr hineingelassen und ganz allein an seinem Entwurf weiter gearbeitet haben. In nur 4 Jahren einsamer Arbeit entstand eines der grossartigsten Gemäldezyklen der Welt, das ausnahmslos jeden Besucher in unglaubliches Staunen versetzen. Allein die körperliche Anstrengung kopfüber Skizze für Skizze möglichst zügig in den feuchten Putz zu malen, ist heute unvorstellbar. Angeblich gewöhnte sich Michelangelo so sehr an die rückwärtige Haltung mit dem Kopf nach oben, dass er einen Brief, den er in der Zeit erhielt, über seinen Kopf haltend und nach hinten gebeugt lesen musste.

Inhaltlich knüpfen die Themen Michelangelos an das ikonografische Programm der Seitenwände an. Der mittelere Streifen des Tonnengewölbes zeigt 9 Szenen aus der Genesis, gerahmt werden diese Bildfelder von alttestamentarischen Propheten und antiken Sybillen. In den Ecken des Gewölbes erscheinenen heroische Episoden aus dem Alten Testament (David und Goliath; Judith und Holofernes; Die Bestrafung des Haman; Die eherne Schlange), die in perspektivischer Verkürzung gemalt sind, so dass der Betrachter von unten die Darstellungen optisch richtig erfassen kann.

In den halbrunden Feldern über den 5 Fenstern auf jeder Seite malte Michelangelo eine endlose Folge von Frauen und Männern dicht gedrängt in immer neuen Gruppierungen und Stellungen – es sind die Vorfahren Jesu, die teilweise gequält auf die Ankunft des Messias warten. Zwischen all den Bildern fügte Michelangelo eine überwältigende Anzahl von Figuren von nackten Jünglingen, Girlanden und Medaillons.

Die von überirdischer Schönheit gekennzeichneten jugendlichen Figuren zeigen Michelangelos geniale Meisterschaft in der Darstellung des menschlichen Körpers. Er hatte die Werke vergangener grosser Künstler wie Giotto und Donatello, sowie die griechischen und römischen Skulpturen studiert, die ihm in den Sammlungen mächtiger Familien wie der Medici zur Verfügung standen. Die Darstellung des menschlichen Körpers mit all seinen Bewegungen und Muskeln stellte für ihn die grösste Herausforderung dar. Er malte nach lebenden Modellen und sezierte sogar Leichen um die Geheimnisse des menschlichen Körpers vollständig zu begreifen. Sein Eifer und Talent brachten ihn irgendwann soweit, dass ihm beinah jede Bewegungsform in der künstlerischen Darstellung keine grosse Herausforderung mehr bereitete. Doch verstand er sich im eigentlichen Sinne als Bildhauer und nicht als Maler, Quellen berichten darüber, dass er sich regelrecht durch den Papst gezwungen fühlte die Decke der Sixtinischen Kapelle auszumalen.

Das Zentrum seiner Komposition in der Sixtinischen Kapelle bildet das Altarbild mit dem "Jüngsten Gericht". Dort erscheint Gottvater, der mit kraftvollen Gebärden die Pflanzen, die Himmelskörper, die Tiere und Menschen erschafft. Wahrscheinlich die populärste und eindrucksvollste Szene ist die Erschaffung Adams. Gottvater, von seinen Engeln umgeben, kommt angerauscht und erweckt den ersten Menschen durch Berührung seines Fingers zum Leben. Die Berühmtheit dieses Bildes hat die Vorstellung des Aussehens von Gott als weiser, väterlicher und grauhaariger älterer Mann über Generationen hinweg bis heute geprägt.

Michelangelos Ruhm hatte einen Gipfel erreicht, zu dem noch kein Künstler vor ihm je gelangt war. Besonders die Päpste schmückten sich gerne mit seinen Werken, als Julius II. starb, verlangte der nächste Papst, dass der grösste Künstler jener Zeit in seine Dienste trat. So überboten sich Päpste und Fürsten gegenseitig, um den alternden Meister für sich zu gewinnen und ihren Namen für alle Zeiten mit ihm zu verbinden. Doch aus Briefen und Gedichten, die Michelangelo schrieb, geht hervor, dass er sich zunehmend unwohler fühlte, je berühmter er wurde. Er hat sich nie als grosser Maler oder Bildhauer in dem Sinne gesehen, der daraus ein Geschäft gemacht hätte. Und obgleich er den Päpsten gedient hat, tat er dies unter Zwang. Wie ernst es ihm um seine Unabhängikeit war, kann man daran erkennen, dass er mit seinem letzten Werk – der gigantischen Kuppel des Petersdomes – die er als 72-jähriger entwarf, keine Bezahlung entgegennahm, sondern es als frommes Werk zu Ehren Gottes statuierte, dass durch keinen irdischen Gewinn an Heiligkeit einbüssen sollte.